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Warum Italiener so schnell reden


17. September 2019

Der rumänische Forscher Dan Dediu hat die Struktur europäischer und asiatischer Sprachen durchleuchtet – und einen überraschenden Zusammenhang entdeckt: Je niedriger der Informationsgehalt einer Sprache, desto höher ist das Redetempo.

Manchmal stimmt das Klischee doch. Italiener sprechen tatsächlich schnell, das bestätigen auch die Messungen von Dan Dediu. Die Frage ist nur: warum? Man wäre geneigt, das mit Verweis auf das Temperament der Südländer zu erklären. Doch der studierte Mathematiker und Sprachwissenschaftler von der Universität Lyon bietet eine ganz andere Erklärung an.

Die Bits der Sprache
Deduis Zugang zur Sprache ist ein statistischer, wenn er in seiner jüngsten Studie von „Information“ spricht, dann meint er Information im technischen Sinne, also Bits, nicht Bedeutung. Die Berechnungsmethode, auf die er sich bezieht, wurde im Jahr 1948 vom US-amerikanischen Mathematiker Claude Shannon entwickelt und besagt im Wesentlichen, dass überraschende Zeichenfolgen viel Information (Bits) enthalten und vorhersehbare wenig.
In den 1940ern war das vor allem für Techniker interessant, da die Übetragung von Daten damals begrenzt und teuer war. Gleichwohl spricht nichts dagegen, die Shannon-Methode auch als Werkzeug für sprachwissenschaftliche Untersuchungen einzusetzen – so wie Dedui es nun mit seinem Kollegen Christophe Coupé getan hat: Die beiden haben anhand der Silbenfolgen von 17 europäischen und asiatischen Sprachen deren Informationsgehalt bestimmt. Dicht gepackt ist die Information etwa im Englischen, Vietnamesischen und ganz besonders im Thailändischen (acht Bits pro Silbe), schreiben die beiden im Fachblatt „Science Advances“. Arm an Information sind wiederum das Baskische (fünf Bits), Japanische und Italienische.

Informationsfluss: „Optimal für das Gehirn“
Soweit wäre das nicht viel mehr als eine statistische Randnotiz, wenn da nicht die Sprechgeschwindigkeit wäre. Die hängt nämlich mit dem Informationsgehalt zusammen, wie Experimente der beiden Forscher zeigen: Basken, Japaner und Italiener sprechen auch dann schnell, wenn sie Alltagssätze gelassen vom Blatt lesen; Vietnamesen lassen es im Vergleich dazu gemächlich angehen, noch langsamer sind die Thailänder.

Warum ist das so? „Weil Sprachen einen Kompromiss bewältigen müssen. Der Informationsgehalt bremst offenbar die gesprochene Sprache, im Schnitt ist die Übertragungsrate bei allen Sprachen ähnlich, es sind ungefähr 39 Bits pro Sekunde“, sagt Dedui gegenüber science.ORF.at. „Möglicherweise ist das der optimale Wert, den das menschliche Gehirn verarbeiten kann.“

Der Forscher von der Universität Lyon hat ähnliches auch an sich selbst beobachtet. Er spricht fließend Rumänisch, Niederländisch, Französisch und Englisch, aber keineswegs im gleichen Tempo. „Wenn ich zwischen Sprachen hin- und herwechsle, dann verändert sich auch mein Redefluss, ich kann nicht anders.“ Deutsch nimmt der Studie zufolge übrigens eine Mittelstellung ein im euro-asiatischen Sprachvergleich. Ebenso wie Ungarisch, Französisch und Mandarin. Offen bleibt, ob sich mit diesem Ansatz auch die Unterschiede von Dialekten erklären ließen. Falls ja, sollte das Idiom der Wiener eigentlich prall gefüllt sein mit Bits – und das Schwyzerdütsch erst recht.

Robert Czepel, science.ORF.at
https://science.orf.at/stories/2990926/


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